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Das Gefühl, gesehen zu werden

Im Rahmen eines mehrteiligen Demokratie-Workshops setzen sich Schüler*innen des Förderprogramms PlanBildung mit zentralen gesellschaftlichen Themen auseinander: Toleranz, Identität, Teilhabe. Ein besonderer Programmpunkt war eine Veranstaltung mit dem Autor, Podcaster und Redner Deva Manick.

von Viola Schmidt

Deva Manick in der Aula des Genoveva-Gymnasiums in Köln-Mülheim
Für viele Jugendliche ein Spiegel: Autor Deva Manick in der Aula des Genoveva-Gymnasiums. (Foto: Klaus Wohlmann)

An einem Dienstagmorgen im Dezember in der Aula des Genoveva-Gymnasiums in Köln-Mülheim: Eine Handvoll Schüler*innen sitzt im Halbdunkeln noch etwas verschlafen auf Holzstühlen, vor ihnen eine Bühne mit Leinwand. Nach und nach strömen immer mehr Jugendliche in den Raum, zusätzliche Stühle werden aufgestellt. Als auf der Bühne ein Film beginnt, verstummt das Gemurmel. Auf der Leinwand erscheinen schwarz-weiß Bilder in schnellen Schnitten, Stacheldrahtzaun, Plattenbau, die Kulisse einer Kleinstadt. Ein junger Mann an den Orten seiner Kindheit. Er spricht vom „Glashaus“, einem Ort der „Verzweiflung, Freude und Heimat“. Kurz darauf betritt der Mann aus dem Film die Bühne: roter Kapuzenpulli, Sneaker, aufrechte Haltung. Deva Manick spricht ruhig und präsent, man merkt schnell, dass er oft auf Bühnen steht.

Deva Manick ist Ende 30 und Autor. Sein zweites Buch, eine Autobiographie, erschien in diesem Jahr unter dem Titel „Warum ich im Glashaus mit Steinen warf“. Daraus liest er heute und erzählt seine Geschichte. Und die hat es in sich: 1987 kam er als Kind tamilischer Einwanderer in einem Asyl- und Obdachlosenheim in Ratingen zur Welt. Sein Vater war Anfang der 1980er Jahre alleine nach Deutschland gekommen – von Sri Lanka über die DDR nach West-Berlin und schließlich nach Ratingen. Dort bezog er im Asyl- und Obdachlosenheim ein Gemeinschaftszimmer mit fünf Fremden. Als 1983 offiziell der Bürgerkrieg in Sri Lanka ausbrach, folgte Manicks Mutter dem Vater mit den beiden älteren Geschwistern nach Deutschland. Bis zu seinem neunten Lebensjahr wohnte Manick im Asylwohnheim. Eine Kindheit geprägt von häuslicher Gewalt, Rassismus, der Suche nach Anerkennung und Zuneigung.

(Foto: Klaus Wohlmann)

Warum sieht mich keiner?

„Warum sieht mich keiner? Warum kann ich nicht ich sein?“ – Fragen wie diese ziehen sich durch Manicks Erzählungen. Fragen, die sich vermutlich auch viele der Jugendlichen stellen, die jetzt aufmerksam seinen Worten lauschen. Das erste Kapitel, aus dem er liest, trägt den Titel „Das Nest“. Es handelt von Fluchtwelten, die entstehen, wenn das eigene Zuhause kein Ort der Geborgenheit ist: das Internet, Videospiele, Alkohol, Zigaretten. Für Manick waren es vor allem Videospiele, in der sich flüchtete. Denn in seinem Zuhause gab es kaum Zuneigung, kaum Aufmerksamkeit. Stattdessen Gewalt. Seine Mutter war traumatisiert vom Bürgerkrieg in Sri Lanka – ein dunkles Kapitel, über das in der Familie nie gesprochen wurde.

„Ein Zuhause sollte Zuneigung, Sicherheit und Wärme bedeuten“, sagt Manick. „Mein Glashaus war das Gegenteil. Ich war darin gefangen. Ich durfte nicht laut sein oder rebellieren, denn sonst wäre es zerbrochen. Und trotzdem habe ich mit Steinen geworfen.“ Eindrücklich schildert Manick einen Moment aus seiner Kindheit, als er seine Hand auf ein heißes Bügeleisen legte – ein verzweifelter Versuch, gesehen zu werden.

Zuversicht und Hoffnung

Doch zwischen all den Schilderungen von Gewalt und Überforderung blitzen immer wieder Zuversicht und Hoffnung auf. „Es gab immer eine leise Stimme, die mir sagte: Eines Tages wird all‘ das vorbei sein. Eines Tages wirst du glücklich sein.“ Rückblickend sei er dankbar für seinen Weg, denn er habe ihn zu dem Menschen gemacht, der er heute ist.

Wenn Manick spricht, tut er das bedacht und stets auf Augenhöhe mit den Schüler*innen. Vermutlich trägt auch das dazu bei, dass die rund 90 Jugendlichen dem eineinhalbstündigen Vortrag beeindruckend aufmerksam folgen.

Auch seine Schulzeit thematisiert Manick: schlechte Noten, Rassismuserfahrungen, falsche Freundschaften. Am Ende der siebten Klasse entschied eine Nachprüfung über seinen weiteren Bildungsweg. Er bestand sie – und fasste einen Entschluss: Er will sein Leben selbst in die Hand nehmen. Er meldete sich eigenständig an einer neuen Realschule an. Der Schulwechsel bedeutete auch einen Bruch mit Freundschaften, die ihm nicht guttaten. Auf der neuen Schule blühte Manick auf. Er arbeitete hart und gehörte in der zehnten Klasse mit einem Notendurchschnitt von 1,5 zu den Besten.

Deva Manick spricht mit Schülern

Rückschläge und Erfolge

Doch der Weg verläuft nicht gradlinig. Mit 24 Jahren folgt ein weiterer Tiefpunkt: Jobverlust, das Ende einer Beziehung, emotionale Sackgasse. Wieder gibt Manick nicht auf. Er erkämpft sich einen Bildungsgutschein und beginnt eine Ausbildung zum Kaufmann für audiovisuelle Medien. Kurz darauf, mit gerade mal Mitte 20, schreibt Manick sein erstes Buch mit dem Titel "Im Glashaus gefangen zwischen Welten: Ein Leben zwischen zwei Kulturen“. Sein Antrieb: der eigenen jahrelangen Rebellion ein Gesicht geben – und Jugendlichen eine Stimme. „Das Glashaus hat mich zu dem gemacht, der ich bin“, sagt er heute.

Nach der Lesung öffnet Manick den Raum für Fragen. Es gäbe nur eine Spielregel, betont er: Keiner wird wegen seiner Frage ausgelacht. „Ihr könnt mich alles fragen.“ Und das tun die Jugendlichen: Was er rückblickend anders machen würde, ob das Jugendamt je eine Option gewesen sei und ob er glaubt, dass sein jüngeres Ich heute stolz auf ihn wäre.

Eine Geschichte, die viel auslöst

Im Anschluss an die Lesung folgt ein Workshop in kleiner Runde für die Teilnehmenden von PlanBildung. Auch hier begegnet Deva Manick den Jugendlichen offen und auf Augenhöhe. Kilian Brenig, Sozialpädagoge im Programm PlanBildung am Genoveva-Gymnasium, zieht ein positives Fazit: „Die Offenheit, mit der Herr Manick von seinen Erfahrungen berichtet, hat die Jugendlichen spürbar beeindruckt. Seine Geschichte hat viel ausgelöst.“

Diese Wirkung zeigt sich auch in den Rückmeldungen der Schüler*innen. „Ich fand seine Geschichte sehr spannend. Besonders gut hat mir gefallen, dass er auf unsere Fragen eingegangen ist und wir uns aktiv einbringen konnten, zum Beispiel im Rollenspiel“, erzählt eine Jugendliche. Und eine Mitschülerin ergänzt: „Ich habe viel aus dem Workshop mitgenommen. In vielem, was er gesagt hat, habe ich mich selbst wiedergefunden.“

Für viele der Jugendlichen endet dieser Schultag nicht nur mit neuen Eindrücken, sondern mit dem Gefühl, sich in der Geschichte eines Anderen widergefunden zu haben – und mit der Erkenntnis, dass geteilte Geschichten inspirieren und Hoffnung schenken.

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