Vom Mut zu handeln, aber auch zu scheitern
von Efpraxia Dermitzaki
Laut Aristoteles liegt Mut in der Mitte zwischen der Tollkühnheit als dem einen und der Feigheit als dem anderen Extrem. Mutig ist, wer „den Gefahren schon oft standgehalten [hat]“* Aber es geht beim Mut nicht darum, keine Angst zu haben. Es geht darum, trotz Angst zu handeln.** Mut war und ist für mich mein wichtigster Wegbegleiter.
Mein Weg zum Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds war keinesfalls so gradlinig, wie ich ihn mir vorgestellt hatte, als ich mich 2013 auf einen der begehrten Stipendienplätze bewarb. Damals studierte ich Politikwissenschaft und Englische Philologie in Göttingen. Dank einer Kommilitonin erfuhr ich vom KGS und war nach meiner eigenen Recherche überzeugt, dass diese Stiftung perfekt zu mir passte. Meine akademischen Leistungen waren zwar zu diesem Zeitpunkt eher durchschnittlich, dafür konnte ich ein ausgeprägtes ehrenamtliches Engagement vorweisen: Seit meiner Schulzeit leitete ich als Co-Gründerin die Jugendinitiative „Young United Cultures“ für ein friedliches, vorurteilsfreies Miteinander. Ich sah mich durch das Leitbild der Stiftung in meinen Idealen bestärkt und schickte meine Bewerbung ab.
Und dann kam sie: die Absage! Damit hatte ich nicht gerechnet. Woran konnte es gelegen haben? Waren meine Noten zu schlecht? Meine Unterlagen nicht überzeugend genug? Oder war ich vielleicht doch nicht förderungswürdig? Natürlich machte diese Absage etwas mit mir: Ich verbuchte einen ersten großen Misserfolg, der mich kränkte. Ich beschloss, die Sache abzuhaken, es sollte eben nicht so sein.
Andreas Buschmann als Chancengeber
Doch das Zitat eines Stipendiaten, das ich auf der Webseite der Stiftung gelesen hatte, ging mir nicht aus dem Kopf: „Beim KGS steht der Mensch im Mittelpunkt“. Als Kind einer mehrköpfigen, finanzschwachen Familie mit Migrationsgeschichte war ich auf eine finanzielle und ideelle Unterstützung im Rahmen meines Studiums angewiesen. Gleichzeitig war es mir wichtig, in ein Studienförderwerk aufgenommen zu werden, das mich als Person sieht und mich in meiner individuellen Entwicklung fördert. Und genau das versprach dieses Zitat.
Mein Mut leitete mich, und ich beschloss, mich erneut zu bewerben. Um sicherzugehen, dass dies möglich ist, rief ich vorab beim KGS an. Andreas Buschmann war positiv überrascht, als ich ihn am Telefon von der Möglichkeit einer erneuten Bewerbung überzeugen wollte. Selbstbewusst betonte ich, dass ich mich seit meiner erfolglosen Bewerbung weiterentwickelt hatte und mich als absolut förderungswürdig betrachtete. Und Andreas Buschmann tat als Chancengeber das, wofür ich ihm für immer dankbar sein werde: Er öffnete mir die Tür, und ich durfte mich erneut bewerben.
An dieser Stelle wird deutlich, wie prägend Gatekeeper sein können: Sie eröffnen Chancen – oder verwehren sie. Und Andreas Buschmann gab mir die Chance, meinen Hut noch einmal in den Ring zu werfen.
Scheitern braucht Mut
Und dann kam sie: die zweite Absage! Haben Sie vielleicht an dieser Stelle mitgefiebert und gedacht, dass mir nach meiner mutigen Aktion eine frohe Botschaft überbracht wurde? Da muss ich Sie leider enttäuschen. Erneut musste ich mit einem Misserfolg fertigwerden. Doch ich lernte etwas Entscheidendes: Man braucht nicht nur Mut zum Handeln, sondern auch zum Scheitern.
Und genau dieses Prinzip begleitete mich bei meinem dritten Versuch. Ich wollte dieses Stipendium so sehr und ich war überzeugt, dass ich es verdiente. Denn in der Zwischenzeit hatte ich mein Bachelorstudium mit exzellenten Noten absolviert und auch Praxiserfahrungen auf meinem Weg zum Masterstudium gesammelt. Und Andreas Buschmann hielt als Gatekeeper die Tür erneut für mich offen. So entschloss ich mich 2016 für ein Comeback.
Natürlich hatte ich Angst, erneut abgelehnt zu werden. Aber mein Mut zeigte mir neue Wege: Was wenn es gar nicht an meinen akademischen Leistungen oder an meinem sozialen Engagement lag, sondern an der Art, wie ich „mich selbst verkaufte“? Ich überarbeite mein Motivationsschreiben komplett, sodass sich ein roter Faden durch alle meine Stationen zog. Ich reichte meine dritte Bewerbung ein.
Mut, der inspiriert
Und mein Mut zahlte sich aus: Ich wurde zu den Auswahltagen des KGS eingeladen und bekam mein lang ersehntes Stipendium! Und nicht nur das: Im selben Jahr erhielt ich den Cornelius Klauth-Stiftungspreis – einen Preis, der meine außerordentlichen Studienleistungen und mein besonderes ehrenamtliches Engagement auszeichnete.
Der Mut, der mich so weit brachte, begleitet mich bis heute. Ich habe den Mut, die persönliche Geschichte meines sozialen Aufstiegs mit Erfolgen und Misserfolgen sichtbar zu machen. Offen spreche ich über meine Hürden als migriertes Arbeiterkind und Glaskind – als ältere Schwester eines schwerbehinderten Bruders unterstütze ich meine pflegenden Eltern bis heute. Mit Ehrgeiz, Disziplin und Kampfgeist habe ich es geschafft, als Erste in meiner Familie ein Studium abzuschließen.
Heute inspiriert mein Mut auch andere, und so gewann ich bei den Social Diversity Awards 2025 von Netzwerk Chancen in der Kategorie „Inspiration of the Year“. Als hauptamtliche Senior Referentin der START-Stiftung und als ehrenamtliche Jurorin im Auswahlkomitee des KGS darf ich inzwischen mitentscheiden, wer ein Stipendium erhält. Nun öffne auch ich jungen Menschen Türen.
Lieber Andreas, ich danke dir von Herzen, dass du mir vorgelebt hast, was ein wahrer Chancengeber ist. Dein Wirken lebt weiter.

