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Toleranz – eine unbequeme Tugend


11. Juni 2022 | Karl Rahner Akademie, Köln | Für Stipendiat*innen und Alumni


 

Seminartitel: Toleranz – eine unbequeme Tugend

 

Beschreibung

Der griechische Philosoph Aristoteles hat ein Konzept ethischer Tugenden entwickelt, das die moralphilosophische Diskussion bis in die Gegenwart beeinflusst. Es firmiert unter der Bezeichnung „Mesóthes“-Lehre und meint, dass die Tugenden „die Mitte“ zwischen zwei Lastern bildeten. So steht die Tapferkeit zwischen der Feigheit auf der einen Seite und der Tollkühnheit auf der anderen. Eine analoge Struktur weist die Toleranz auf: Sie steht zwischen der Indifferenz, der alles „gleich-gültig“ ist, auf der einen Seite und dem Fanatismus auf der anderen, der das von ihm als einzig wahr Anerkannte selbst um den Preis der Vernichtung Andersdenkender durchsetzen zu müssen glaubt. Toleranz ist keine bequeme Tugend, sie erfordert Urteilskraft und Mut. Das zeigen die exemplarischen Positionen und Argumente, mit denen wir uns in diesem ganztägigen Seminar beschäftigen wollen (Autoren: Castellio, Spinoza, Locke, Bayle, Voltaire, Lessing, Humboldt, Mill, Seel, Forst u.a.)

 

Programm und Zeitplan

10.00 – 11.30 Uhr
Vorstellung, Erläuterungen zum Programm und Ablauf

Themenblock I: Alltagserfahrungen und erste begriffliche Klärungen
Am Leitfaden von Fragen etwa der folgenden Art:
* Kirchenglocken, Grillparties im benachbarten Garten, Trompetenübungen in der Nachbarwohnung, Verschleierung am Arbeitsplatz – wie tolerant können/sollen/müssen wir im Alltag sein?
* Wie tolerant sind Sie gegenüber Ihrem Partner?
* Wo endet für Sie die Toleranz im öffentlichen, im politischen Raum?
* Was halten Sie von Aussagen der folgenden Art. „Null-Toleranz“ gegen …“ ?
Erste Ordnung des begrifflichen Feldes: Das „Drei-Komponenten“-Modell (R. Forst)

11.45 – 13.00 Uhr
Themenblock II: Toleranz – Historische Entwicklung
* al-Andalus (Averroes)
* Castellio gegen Calvin
* B. Spinoza
* J. Locke
* „Ring-Parabel“ (G. Boccaccio / G.E. Lessing)
* P. Bayle
* Voltaire (doppelt: Toleranz-Schrift und Philosophisches Wörterbuch)

Themenblock III: Säkulare Toleranzkonzepte
* W. von Humboldt
* J.S. Mill: On Liberty

14.00 – 15.30 Uhr
Themenblock IV: Der systematische Ertrag der historischen Reminiszenzen
* Die Rechtfertigung der Toleranz
* Gerechtigkeit und Toleranz (J. Rawls)
* Tugend der Toleranz: die tolerante Person

15.45 – 17.15 Uhr
Themenblock V: Aktuelle Probleme
* Politische Toleranz und ihre Grenzen; die „offene Gesellschaft“ als tolerante Gesellschaft (Umgang mit Klimakrisenleugnern und Verschwörungstheoretikern, mit „Feinden der Demokratie“ und Verfassungsgegnern)
* „Cancel-Culture“: Verbote bestimmte Positionen überhaupt zu diskutieren (Universität und außerhalb)
* Ambiguitäts-Tolerenz (T. Bauer)
* Friedliche Koexistenz der Religionen
* Problem einer globalen Toleranz auf der Basis der Menschenrechte?

Themenblock VI: Aus- und Bewertung des Studientages

Die ausgewählten Textmaterialien sind umfangreicher, als dass sie alle in der zur Verfügung stehenden Zeit gelesen und diskutiert werden könnten. Den Seminar-Teilnehmern sollen jedoch Materialien an die Hand gegeben werden, um sich zu Hause, das Seminar vertiefend, längerfristig und selbständig mit dem Thema des Seminars auseinandersetzen zu können.

 

Leitung
Dr. Hans-Gernd Neugebauer

 

Das Seminar wird in Kooperation mit der Karl-Rahner-Akademie Köln und der Jakob-Kaiser-Stiftung veranstaltet.

 

Zur Anmeldung über das Bildungsportal gelangen Sie hier.

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